Chronik

Vorwort zur Chronik

Eine Chronik, eine geschichtliche Widergabe von unwiederbringlichen, erhaltenswerten Ereignissen unserer Väter und Großväter, ist beim Lesen eine Zeitreise in vergangene Jahre, wobei die jeweiligen Chronisten durchaus eigenen Vorstellungen folgend selektierten, was der Nachwelt in Dokumentationen erhalten bleiben sollte.

Mag  eine  Chronik für den einen oder anderen mehr oder weniger von Interesse  sein, so kann eine geschichtliche Dokumentation nachfolgenden Generationen durchaus einen Leitfaden für eigenes Handeln bieten, und so sollte die Chronik der „Sängerlust“ Bad Orb auch verstanden werden.

Wie im realen Leben, so gab es auch im Verlauf der nun fast 100 Jahre „Sängerlust“ Höhen und Tiefen, die einen Verein in einer so langen Zeitperiode durchaus prägen konnten und geprägt haben als eine Gemeinschaft von Freunden und Gleichgesinnten, denn nur so konnten schlechte Zeiten gemeinsam ertragen, in gute Zeiten hingegen aber auch gemeinsam sich freuen und gefeiert werden.

Mögen derzeitige und nachfolgende Vereinschronisten ihre durchaus sehr aufwändige, freiwillige Arbeit immer im Focus der späteren geschichtlichen Widergabe der Ereignisse haben, um kommenden Generationen einen Einblick darüber zu geben, wie ihre Väter und Großväter ihren Gesangverein erlebt haben.

Chronik des Gesangvereins „Sängerlust“ e.V. Bad Orb

         von 1908 -  2008

Mit der Gründung des Männerchores „Sängerlust“ Bad Orb am Donnerstag, dem 19.11.1908, durch die Orber Bürger Adolf Schreiber, Heinrich Pfeifer, Otto Stein und dem Kaufmann Philipp Schmitt im damaligen Lokal „Frankfurter Hof“, begann die Epoche eines Vereines, die nun in Kürze das hundertjährige Gründungsfest feiern kann.

Gewiss waren die Anfänge nicht leicht, doch mit  viel Enthusiasmus wurden diese von den Gründern und den späteren aktiven als auch passiven Mitgliedern bewältigt, galt es doch, eine Gemeinschaft zu gründen und zu etablieren.

Um den ersten Dirigenten Philipp Schmitt und den ersten 1. Vorsitzenden Jakob Ihl formierte sich eine Gruppe von Männern, die nach Feierabend und in der Freizeit Spaß und Freude beim Singen in einer Gemeinschaft haben wollten.

Hierbei entstand ein Verein, der durchaus aktiv das kulturelle Leben in Bad Orb mitgestalten sollte und vielen Bürgern als auch Kurgästen durch Konzerte, Ständchen, Gesangswettstreiten ect. eine Abwechslung bot im alltäglichen Leben

Aufgrund der Kriegswirren in den Jahren 1914 – 1918 mussten die Chorproben leider abgesetzt werden, und erst nach Kriegsende formierte sich langsam der Verein wieder in seiner angedachten Form.

Trotz spärlichen finanziellen Mitteln in der Nachkriegszeit wurde im Jahre 1922 eine Vereinsfahne mit dem Motto:“ Edles verkündet die Sprache der Töne“

angeschafft und feierlich eingeweiht. Die Patenschaft dieser Fahnenweihe übernahm der benachbarte Männerchor „Sängergruß“ Salmünster (heutiger Kern´cher Männerchor).

Unter verschiedenen Vorständen und Chorleitern konnte die „Sängerlust“ im Laufe der Jahre sich festigen und wurde Garant für guten Chorgesang in Bad Orb.

Zwei Jahre lang von 1928 – 1930 führte das Dirigat z. B. der Lehrer Georg Henkel, Komponist von zahlreichen Heimatliedern, u.a. „All Heil Bad Orb im Spessartwald“, dem „Orber-Lied“ schlechthin.

Das 25 jährige Stiftungsfest im Jahre 1933 wurde gebührend gefeiert von den Sängern, trotz gespannter wirtschaftlicher und politischer Lage, mit einem Jubiläumsfest und einem Festzug durch die Innenstadt.

Bei Konzerten im Kurpark, Wertungssingen und bei anderen gesanglichen Anlässen zeigte die „Sängerlust“ immer wieder Präsenz und war gern gesehen respektive gerne gehört.

Aufgrund der immer schlechter werdenden ökonomischen und politischen Situation in Deutschland suchten und fanden viele am Gesang interessierte Menschen Halt bei der „Sängerlust“, womit die Zahl der aktiven Sänger anstieg und den Verein repräsentativ machte für Bad Orb.

Leider setzte der Ausbruch des 2. Weltkrieges dem Aufwärtstrend der „Sängerlust“ ein jähes Ende, denn wieder mussten viele aktive Sänger in einen ungewollten Krieg ziehen und das Notenblatt mit dem Tornister eintauschen. Mit der neuen prekären Situation im Lande wurde ein geregelter Singstundenbesuch immer schwieriger, so dass das Vereinsleben wiederum völlig zum Erliegen kam. Leider kehrten aus diesem unseligen Krieg viele aktive Sänger nicht wieder zurück in ihre Heimat und zu ihrem Verein.

Ein Neubeginn der „Sängerlust“ Bad Orb nach dem Krieg konnte Dank des Vereinsmitgliedes und damaligen Bürgermeisters Anton Drisch und des damaligen Hess. Ministerpräsidenten Christian Stock mit Ende des Jahres 1946 seinen Anfang nehmen mit dem Musiker Otto Schwägerl, den der Krieg nach Bad Orb verschlagen hatte und die „Sängerlust“ 25 Jahre lang als Chorleiter begleiten sollte.

Mit Otto Schwägerl hatte die „Sängerlust“ einen ausgezeichneten Musikpädagogen und Freund der Musik gewonnen und mit ihm im Laufe seiner Chorleitertätigkeit überaus viele gesangliche Erfolge regional als auch überregional erringen.

Mit dem beginnenden „Wirtschaftswunder“ in Deutschland war es den Sängern  möglich geworden, an verschiedenen Bundessängerfesten in Mainz, Stuttgart, Essen und Berlin sowie am  Tiroler Bundessängerfest in Innsbruck  1952 teilzunehmen und dort jeweils ihr gesangliches Können unter Beweis zu stellen.

In diesen „goldenen“ Zeiten der „Sängerlust“ standen bis zu 110 aktive Sänger fest zu ihrem Verein, der ein hohes gesangliches Niveau erreicht hatte unter seinem Dirigenten Otto Schwägerl.

In dieser „starken Zeit“ der „Sängerlust“ konnten die Sänger im Jahre 1958 ihr 50. Gründungsfest feiern mit einem Festabend in der neuerbauten Konzerthalle, mit einem Wertungssingen verschiedener Chöre, einem Volksfest und einem Festzug.

Teilnahmen an Sängerfesten auf Regional- und Bundesebenen sowie beim Bundesleistungs-Singen 1960 in Ditzenbach machten die „Sängerlust“ Bad Orb über die Grenzen hinaus bekannt als einen fundierten,  leistungsstarken

Männerchor, der aber auch in Bad Orb vielen Einheimischen und Kurgästen mit sonntäglichen, orchesterbegleitenden Chorkonzerten sein umfangreiches Repertoire darbieten konnte und seit Jahrzehnten schon noch immer viele Zuhörer begeistert.

Die hohe Zahl der aktiven Sänger brachte im Laufe der Jahre Probleme hinsichtlich geeigneter Proberäume für die Singstunden, so dass die Sänger unter der Regie der 1. und 2. Vorsitzenden Heini Wiegand und Peter Ringelstein beschlossen, ein eigenes Haus, ein „Sängerheim“, zu bauen, mit dessen Bau am 04.09.1965 begonnen und das am 14.10.1967 festlich eingeweiht werden konnte.

 Diese großartige Leistung konnte jedoch nur mit festem Willen und Blick auf die Zukunft und aufgrund vieler unentgeltlicher Arbeitsstunden der Sänger sowie mit großzügiger Unterstützung der Bad Orber Bevölkerung durchgeführt werden. Die „Sängerlust“ hatte sich ein Zuhause geschaffen, das zur damaligen Zeit landesweit seinesgleichen suchen konnte.

Trotz aller Anstrengungen der Sänger beim Bau des Sängerheimes wurden die gesanglichen Anforderungen nicht hinten angestellt, galt es doch jetzt, ein Haus mit hervorragender Chorqualität zu füllen.

So konnte die „Sängerlust“ in ihrem Hause befreundete Chöre zu Gesangswettstreiten, Liederabenden und zu gemeinsamen frohen Stunden einladen und bewirten mit Speis und Trank. Erinnert werden soll an viele, gern besuchte Faschings- und Herbstbälle, Veranstaltungen verschiedenster Art, die im Sängerheim stattfanden und unvergessen sind. Die Sänger waren und sind stolz auf das selbsterschaffene  Sängerheim, das noch heute jedem offen steht, der sich der „Sängerlust“ verbunden fühlt und oder geeignete Räumlichkeiten für Festlichkeiten sucht.

Im Dezember 1971 musste aus gesundheitlichen Gründen der langjährige Dirigent und Freund der „Sängerlust“ sein Amt niederlegen. Mit einem festlichen Abend wurde Musikdirektor a. D. Otto Schwägerl für all seine Verdienste um den Verein geehrt und verabschiedet.

Gemäß der Logik: „Stillstand bedeutet Rückstand“ konnten die Sänger bereits im Januar1972 den über die Grenzen Freigerichts bekannten Musikdirektor Willy Trageser als neuen Chorleiter gewinnen.

Auf Initiative von Willy Trageser und der Vorstandschaft der „Sängerlust“ hin, konnten nur wenige Monate später ein Kinder- und Jugendchor gegründet werden. Natürlich wurden die beiden neuen Chorsparten auch eingebunden in

Konzerten des Männerchors, sangen gemeinsam zu Weihnachtsfeiern und konnten auch durch eigene chorische Auftritte begeistern.

Die folgenden Jahre wurden geprägt von der Professionalität, mit der Willy Trageser in seiner Fähigkeit der Einstudierung von bis zu schwierigem Liedgut die Sänger der „Sängerlust“ überzeugen konnte. Zu beachtenswerten Erfolgen führte Willy Trageser neben dem Männerchor auch den Kinder- und Jugendchor, der bis zu 66 aktive Sängerinnen und Sänger zählen konnte.

Nach 5 Jahren sehr erfolgreicher Chorleitertätigkeit orientierte Willy Trageser sich anderweitig, und mit Klaus Erdmann, Gymnasiallehrer und Chordirektor aus Frankfurt/M., engagierte die „Sängerlust“ einen neuen Dirigenten, der im Januar 1977 die auf hohem Niveau stehende Chorarbeit fortsetzte.

Oft wurden die Sänger der „Sängerlust“ zu Events eingeladen, um mit ihrem Gesang so manche Feier zu verschönern, so z. B. bei der Einweihung des Steigenberger Kurhaus Hotels im Jahre 1981, zu der der später ermordete Politiker Heinz Herbert Karry die Festrede hielt.

Aufgrund mangelndem Nachwuchs und nachlassendem Interesse im Kinder- und Jugendchor, musste diese Sparte der „Sängerlust“ im Jahre 1981 schweren Herzens aufgegeben werden.

Dass die Geselligkeit der Sängerfamilie in all den Jahren nicht zu kurz kam, dokumentieren die vielen Vereinsfahrten, zum Teil mit Sonderzügen, in die Republik bis auch ins nahe Ausland, z. B. nach Wien, Budapest, Schruns, St. Johann u. a., die immer wieder Höhepunkte waren in gesanglicher als auch in gesellschaftlicher Hinsicht  und noch immer sind.

Im Jahre 1983 konnte die „Sängerlust“ ihr  75. Gründungsfest feiern, u. a. mit einem festlichen Weihnachtskonzert am 19.12.1983 unter der Leitung von Klaus Erdmann  in der Pfarrkirche St. Martin in Bad Orb, die wenige Monate zuvor umgebaut, von Grund auf renoviert worden war und in neuem Glanz erstrahlte.

Niemand konnte bei diesem außergewöhnlichen und erfolgreichen Konzert ahnen, dass nur wenige Tage später, in der Nacht vom Hl. Abend zum 25.12.1983, die Kirche aus bislang unbekannten Gründen niederbrennen sollte bis auf die Grundmauern. Das Jubiläumsjahr der „Sängerlust“ neigte sich dem Ende zu mit einem traurigen Weihnachtsfest und einem herben Verlust für die Bad Orber Bevölkerung und all denjenigen, die sich mit dieser Kirche verbunden fühlten.

Das Jahr 1984 begann mit einem Umbruch in der Vereinsführung der „Sängerlust“, denn der seit über 20 Jahren als 1. Vorsitzender amtierende Heini Wiegand machte Platz für jüngere Leute aus den Reihen der Sänger. Als Nachfolger im Amt des 1. Vorsitzenden wurde Ludwig Huth gewählt. Ihm zur Seite stand sein Bruder Karl Huth als 2 Vorsitzender, während Helmut Heim als Geschäftsführer bereits seit 1971 ökonomisch die Geschicke des Vereins steuert.

An dieser Stelle sei postum ein besonderer Dank an Heini Wiegand gerichtet, der als Initiator bei der Planung und Realisierung des Sängerheimes galt und respektvoll als „Vater des Sängerheimes“ bezeichnet werden kann.

Nach zehn Jahren sehr erfolgreicher Chorleitertätigkeit verließ Klaus Erdmann die „Sängerlust“ im Jahre 1987. Ihm folgten als weitere Chorleiter Gerhard Lorenz, Thomas Euler und 1991 Klaus Vogt, unter dessen Leitung und auf  

Initiative der Vorstandschaft hin am 10.02.1992 neue Wege gegangen wurden im MGV „Sängerlust“ und ein Frauenchor gegründet wurde.

Eine Maßnahme, die eigentlich schon lange herbei gesehnt worden war von Frauen, die ebenfalls  in einer Gemeinschaft singen wollten. Auf Anhieb fanden sich bei der ersten Zusammenkunft im Sängerheim 50 Frauen ein und legten somit den Grundstein für den heute beliebten Frauenchor, ein Novum in der Vereinsgeschichte des Männergesangvereins „Sängerlust“.

Dass dies ein Schritt in die richtige Richtung gewesen ist, den die Verantwortlichen mit der Gründung des Frauenchors gegangen sind, zeigt die Kontinuität, mit der die Sängerinnen ihre wöchentlichen Singstunden gestalten.

Anfangs etwas belächelt von den Männern, zeigten die Frauen recht schnell den Skeptikern, dass ein Frauenchor durchaus die Chorwelt bereichern kann.

Seit nun 15 Jahren ist diese Chorsparte fest etabliert in das Vereinsleben der „Sängerlust“ und strukturell gefestigt. Im Repertoire des Frauenchores findet sich neben nationalen und internationalen Volksliedern durchaus auch zeitgenössische Chormusik bis hin zum swingenden Spiritual.

Mit dem Jahr 1996 fand ein Wechsel statt in der Vereinsführung als auch im Dirigat des Chores, wobei Karl Huth ins Amt des 1. Vorsitzenden gewählt und Michael Schnadt, ein Steinheimer Gewächs, als neuer Chorleiter berufen wurde.

Mit diesem, zwischenzeitlich zum Chordirektor ADC ernannten, jungen, dynamischen Chorleiter konnten viele gesangliche Maßstäbe im Bereich der Laienchorarbeit gesetzt werden.

Unter seiner Initiative hin wurde aus dem bestehenden Frauenchor ein Projektchor, der Chorus Canta bene, gegründet, der in seiner Eigenständigkeit ebenso eigene Chorauftritte bestreitet und einen moderneren, zeitgenössischen Trend setzt in der Chorarbeit.

Was wäre ein Gesangverein ohne seinen jugendlichen Nachwuchs, aus dem potentielle Sängerinnen und Sänger den Weg als festen Bestandteil der Gemeinschaft finden können. So auch finden sich unter dem Dach der „Sängerlust“ Kinder und Jugendliche wieder zusammen, um gemeinsam in einer disziplinierten Form zu singen und musizieren.

Wenn nun im Jahre 2008 der Gesangverein „Sängerlust“ e. V. Bad Orb seinen 100. Geburtstag feiern kann, so nur deshalb, weil viele ungenannte aktive Sängerinnen und Sänger und natürlich auch seine jeweiligen Mitglieder der Vorstandschaften und Chorleitern sowie die vielen passiven Mitglieder zum Verein standen und stehen in guten und weniger guten Zeiten.

Nicht unerwähnt bleiben muß aber auch die Tatsache, dass der eine oder andere bestehende Gesangverein in unserem Lande die Gefahr läuft, in der Vereinswelt als nicht mehr existent angesehen zu werden. Deshalb ist es unerlässlich, stets und mit allen Kräften und Mitteln einer drohenden Auflösung gefährdeter Gesangvereine entgegenzuwirken, damit das in vielen Archiven ruhende umfangreiche Notenmaterial an kommende Generationen weiter gereicht werden kann und die Identität des Deutschen Liedgutes nicht verloren geht.

Dieser Verpflichtung sind wir den Gründungsvätern durchaus schuldig.

[Startseite] [Männerchor] [Gemischter Chor] [Chorus canta bene] [Termine] [Aktuelles] [Über uns] [Chronik] [Vorstand] [Das Sängerheim] [Dirigenten] [Festjahr 2008] [Impressum] [Links] [Presseberichte] [Fotogalerie]